Barbara Steffen

Frau Barbara Steffen, rund 20 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz sollen von irgendeiner Allergie betroffen sein.
Nehmen solche Unverträglichkeiten tatsächlich zu, oder ist einfach die Sensibilisierung grösser geworden?

Barbara Steffen: Ich bin als Kind auf einem Bauernhof aufgewachsen. Wir haben Rüebli gegessen, ohne sie zu waschen. Das Immunsystem wurde herausgefordert.

Heute ist das viel weniger der Fall. Es gibt auch Leute, denen plötzlich Pollen zu schaffen machen, was früher für sie nie ein Problem war, vielleicht eine Folge des zunehmenden Stresses.

Wie sollen Eltern am besten reagieren, wenn ihr Kind behauptet, es vertrage keine histaminhaltigen Speisen?

Das mit den histaminhaltigen Speisen wird es kaum von sich aus sagen, sondern weil es dieses Wort irgendwo in der Schule von einem betroffenen Kind aufgeschnappt hat. Wichtig ist vor allem, dass die Eltern dem Kind zuhören und nochmals zuhören.

Es kann etwas ganz anderes als ein medizinisches Problem dahinterstecken, zum Beispiel schlichtweg mangelnde Aufmerksamkeit. Vom anderen Kind weiss das Kind vielleicht, dass dieses wegen seines geschilderten Problems gross umsorgt wird. Die psychosomatische Komponente ist nicht zu unterschätzen.

Wenn der Papi oder das Mami wieder mehr Zeit hat, entschärft sich oder verschwindet das Bauchweh manchmal wieder wie von selbst.

Und wenn nicht?

Selbstverständlich kann auch wirklich eine Allergie dahinterstecken. Eine medizinische Abklärung macht dann durchaus Sinn.

Sollen Eltern eines Kindes, das Gluten nicht verträgt, aus Solidarität der ganzen Familie glutenfreies Essen auftischen?

Für das Zusammenleben finde ich es gut, wenn möglichst ähnlich gekocht wird. Bei Fleisch oder Gemüse ist das problemlos möglich. Glutenfreies Brot für die ganze Familie wird aber erstens zu einem teuren Unterfangen.

Zweitens sollten gesunde Menschen eher davon Abstand nehmen. Wer auf Hafer, Gerste oder Roggen verzichtet, verzichtet auf wertvolle Vitamine und Nahrungsfasern.


«Eine Weizenallergie ist viel seltener als Zöliakie»

Wegen unzähliger möglicher Symptome wird Zöliakie gerne als Chamäleon der Medizin bezeichnet. 

Dr. Roger Wanner

Menschen mit Zöliakie sind überempfindlich gegen zahlreiche Getreidesorten. Gibt es Betroffene, die unter einer Allergie leiden und andere eher unter einer Unverträglichkeit/Intoleranz?

Dr. Roger Wanner: Bei Zöliakie handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Gluten- oder glutenhaltige Nahrungsmittel können zu vielfältigen Darmbeschwerden führen. Eine Weizenallergie dagegen tritt viel seltener auf. Eine solche allergische Reaktion kann innerhalb von Stunden zu einer gefährlichen, potenziell sogar lebensgefährlichen allergischen Reaktion führen.

Was sind denn massgebende medizinische Unterschiede zwischen einer Allergie oder einer Intoleranz bei einer Zöliakie?

Sowohl bei der Autoimmunkrankheit Zöliakie wie auch bei einer Weizenallergie werden durch das Gluten spezifische Lymphozyten in der Darmschleimhaut aktiviert. Unterschiede gibt es jedoch bezüglich Antikörperprofil und immunologischer Reaktionen. Die beiden Erkrankungen sind klar auseinanderzuhalten.

Wie läuft die Diagnose ab?

Die Diagnose der Zöliakie basiert auf einer Anamnese, einer Blutuntersuchung sowie einer Dünndarmbiopsie, welche mittels Gastroskopie gewonnen wird.

Müssen Betroffene auch unterschiedlich behandelt werden, je nachdem, ob Sie unter einer Allergie oder einer Intoleranz leiden?

Beide Patientengruppen müssen eine glutenfreie Diät einhalten, wobei eine Kontamination mit Gluten bei Zöliakie-Patienten in der Regel nicht unmittelbar lebensgefährlich abläuft.

Durch den stetigen Verzehr von Gluten wird der Dünndarm jedoch mittel- bis langfristig geschädigt, sodass Komplikationen wie Mangelernährung, Blutarmut oder Osteoporose entstehen können.

Wessen Leben wird stärker eingeschränkt?

Beide Erkrankungen bedeuten starke Einschränkungen im Leben.

Macht es Sinn, oder schadet es eigentlich sogar, wenn Menschen ohne Zöliakie glutenfrei essen?

Sinn macht es keinen. Es ist aber auch nicht gefährlich. Beachten sollte man aber, dass viele glutenfreie Ersatzprodukte stark gesüsst sind und deshalb einen höheren Kaloriengehalt aufweisen.