Wer kurzsichtig ist, hat das oft seinen Eltern zu «verdanken». «Der genetische Faktor spielt sicher eine bedeutende Rolle», sagt denn auch Dr. Nadja Tajouri. «Aber er ist nicht der einzige.» Sie arbeitet als Fachärztin für Allgemeine Augenheilkunde und Neuro-Ophthalmologie in Zürich.

Bei den meisten Kindern trete Kurzsichtigkeit so im Alter von acht bis zwölf Jahren auf. Kurzsichtigkeit bedeutet, dass Gegenstände nur in der Nähe scharf, in der Ferne aber schnell einmal unscharf gesehen werden.

Eltern, die beide kurzsichtig seien, sollten ganz besonders beobachten, wie sich ihr Kind verhält. Denn Früherkennung sei das A und O für erfolgreiche Verbesserungen. «Die meisten kleinen Kinder nehmen Gegenstände nahe zu sich heran. Wenn sie das aber immer tun, sollten sie von einem Augenarzt abgeklärt werden.» Es gebe heute auch für kleine Kinder aussagefähige Sehtests.

«Generation kurzsichtig»

«Das Auge nimmt unsere Bedürfnisse an und passt sich entsprechend an», erklärt Dr. Tajouri. Wer viel Zeit vor dem (nahen) Bildschirm verbringe, möchte vor allem auf kurze Sicht gut sehen. Das führe aber dazu, dass der Augapfel in die Länge wachse, mit neuen Risiken für das Auge. Kein Wunder, dass Kurzsichtigkeit vor allem in asiatischen Ländern, wo schon kleine Kinder täglich Stunden zu Hause vor dem Computer verbringen, besonders häufig registriert wird. Fachärzte sprechen bereits von der «Generation kurzsichtig».

Kurzsichtigkeit lasse sich zwar nicht beheben, zumindest heute noch nicht. Aber im frühen Kindesalter könne mit einfachen Massnahmen noch viel für die Zukunft vorgesorgt werden. «Das Wachstum des Augapfels lässt sich in diesem Alter abbremsen, indem die Kinder möglichst viel Freizeit draussen im Tageslicht verbringen», lautet die wichtigste Empfehlung der Augenärztin. «Mindestens eineinhalb bis zwei Stunden täglich», fügt sie an. Das Auge könne sich dadurch immer wieder an weite Distanzen gewöhnen und zudem vom besten Licht für das Auge, dem Tageslicht, profitieren.

Von Vorteil sei auch, das Blaulicht bei elektronischen Geräten herauszunehmen. Um das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit bei Kindern zu verlangsamen, seien auch Atropin-Augentropfen häufig eine vielversprechende Option.

Lieber auf Prävention setzen

Dank einer frühzeitigen Erkennung und einer optimalen Anpassung des Auges mit einer Brille oder einer Linse könne man sich später viele Komplikationen ersparen. Eine schwere unbehandelte Kurzsichtigkeit bedeute ein erhöhtes Risiko für grauen oder grünen Star. Folglich sei es sinnvoller, auf Prävention zu setzen und immer das Sehoptimum zu finden, statt später eine aufwendige Therapie mit Operationen in Kauf nehmen zu müssen.

Doch Brille oder Linse? Für Dr. Tajouri eignen sich Linsen mindestens ebenso gut. Sie hätten sogar gewisse Vorteile. So könne die Kurzsichtigkeit bei Linsen im Gegensatz zu Brillen oft lange Zeit auf dem gleichen Dioptrie-Stand gehalten werden.

Nachtlinsen als Geheimtipp

Im Vergleich zur welschen Schweiz sind in der Deutschschweiz sogenannte Nachtlinsen noch nicht stark verbreitet. «Leider», betont Dr. Tajouri, denn solche Linsen könnten für viele Menschen eine echte Entlastung sein. «Sie werden nur nachts getragen und modellieren die Augenoberfläche zur korrigierenden Brechung. Sie haben bewiesen, dass sie das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit hemmen bis stoppen können.» Am Tag benötige man dann keine Linsen.

Nachtlinsen würden sich allerdings nur für ein gewisses Spektrum von Kurzsichtigen eignen.