Franziska Hess, heute findet man fast in allen Lebensmittelabteilungen glutenfreie Produkte. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Durch Öffentlichkeitsarbeit ist das Bewusstsein für Zöliakie und Glutensensitivität gestiegen. Zusätzlich ist die Nachfrage nach glutenfreien Produkten gewachsen, was den Markt für die Hersteller interessanter macht.

Die gesteigerte Nachfrage ist jedoch auf Sportler und Prominente zurückzuführen, die sich glutenfrei ernähren und behaupten, sie fühlen sich dadurch gesünder und leistungsfähiger oder es habe ihnen beim Abnehmen geholfen.

Das stimmt also nicht?

Gluten ist ein Eiweissbestandteil, welcher in vielen Getreidesorten vorkommt. Für gesunde Menschen ist dieses unschädlich und muss deshalb auch nicht gemieden werden. Eine strikt glutenfreie Ernährung ist einschneidend und im Alltag nicht einfach umzusetzen, weil Gluten als Zutat in sehr vielen industriell hergestellten Lebensmitteln vorkommt.

Viele Spezialprodukte enthalten ausserdem im Vergleich zu den Normalprodukten mehr Fett und Zucker sowie wenig Nahrungsfasern. Hier gilt es, mit geschickter Auswahl glutenfreier Alternativen (Pseudogetreide, Hülsenfrüchte, Gemüse, Früchte, Nüsse) die Ernährung zu ergänzen. Ein allfälliger positiver Effekt der glutenfreien Diät auf einen gesunden Menschen ist eher auf eine bewusstere Lebensmittelauswahl denn auf das Weglassen von Gluten zurückzuführen.

Wie viele Menschen sind in der Schweiz betroffen?

Etwa ein Prozent der Schweizer Bevölkerung leidet unter Zöliakie, wobei es eine grosse Dunkelziffer gibt, weil bei vielen die Krankheit noch nicht diagnostiziert ist. Die Labortechnik hat sich in den letzten Jahren verbessert und die Ärzte denken zumeist daran, bei Magen-Darm-Beschwerden eine Zöliakie auszuschliessen.

Die grosse Bandbreite möglicher Symptome erschwert jedoch in vielen Fällen eine schnelle Diagnose.

Die Erkrankung wirkt sich unterschiedlich stark aus

Ja, das kann von Symptomfreiheit über einen Eisenmangel (Blutarmut) bis hin zu Magen-Darm-Beschwerden mit Durchfall und Erbrechen und ungewolltem Gewichtsverlust reichen. Aber auch vielerlei andere Symptome wie Hautausschläge, Knochenschmerzen oder Depression können mit einer unbehandelten Zöliakie assoziiert sein.


Eine unbehandelte Zöliakie oder mangelhafte Einhaltung der glutenfreien Diät kann sich schwerwiegend auf die verschiedenen Organsysteme auswirken und beispielsweise das Risiko für Osteoporose (Knochenschwund), Autoimmunerkrankungen (Diabetes Typ 1, Schilddrüsen- und Lebererkrankungen) und Dünndarm-Lymphom erhöhen.