Kirsten Scheuer, täuscht der Eindruck oder nimmt die Zahl der Lebensmittelallergien und Intoleranzen zu?

Laut Aussage verschiedener Allergologen nimmt die Zahl der Lebensmittelallergien kaum zu.  Ich beobachte aber, dass ich viel mehr Klienten als noch vor ein paar Jahren mit Unverträglichkeiten in der Praxis berate.

Dies liegt, meiner Meinung nach, an unserem heutigen Lebensstil. Der «Online-Mensch» ist nonstop aktiv. Das hat auch Auswirkungen auf unser Einkaufs- und Essverhalten. Wir kaufen – um Zeit zu sparen – vor allem industriell hergestellte Lebensmittel, bei denen wir keine Kontrolle mehr über die Inhalte haben. Essen unter Zeitdruck wirkt sich dabei auf unsere Darmgesundheit negativ aus.

Um unserem Körper die Zeit zu geben, die er für die Nährstoffaufnahme benötigt, sollten die Pausen für die Mahlzeiten in die Tagesstruktur eingebaut werden. Ebenso wie andere Termine gehört eine halbe Stunde fürs Essen eingeplant.

Was ist die Konsequenz daraus, dass nicht genügend Zeit in Mahlzeiten investiert wird?

Die häufige Wahl von industriell hergestellten Produkten führt bei vielen Menschen zu einem schlechten Gewissen. Oft wird versucht, dieses mit einer «gesunden» Diät, die frei von verschiedenen Nährstoffen ist, zu kompensieren.

Doch dadurch wird unsere Ernährung in der Regel einseitiger. Dabei braucht die Darmflora eine Vielfalt von Stoffen für den Erhalt des Mikrobioms. Bekommt das Mikrobiom nicht alle wichtigen Nährstoffe, nimmt es Schaden und die Verträglichkeit bestimmter Lebensmittel verschlechtert sich. Schon heute geht man in der Allergiebehandlung davon aus, dass durch bewusste Provokation die Toleranzschwelle erhöht werden kann.

Wie verändert sich die Unverträglichkeit im Laufe des Lebens?

Die Unverträglichkeit wird oft bedingt durch bestimmte Umstände. Ändern sich diese, kann sich auch bei der Intoleranz eine Veränderung einstellen. Dass in Industrienationen mehr Betroffene leben, scheint auf ein Wohlstandsproblem zu deuten.

Was ist in einer gesunden Ernährung der grösste Feind des Darms?

Die mangelnde Qualtität und die hohe Quantität. Ein gesunder Darm braucht eine ausgewogene und bunt zusammengestellte Lebensmittelauswahl. Und wer sein Essen selbst und aus frischen Zutaten zubereitet, weiss, was drinsteckt.