Dass chronischer Stress krankmacht, ist bekannt. Nun gelang es offenbar US-Forschern, einen Zusammenhang zu Herzproblemen herzustellen. Doch anscheinend ist nicht jeder Mensch im gleichen Masse gefährdet. Was, Frau Guler-Stützer, halten Sie von dieser These?

Anhand von verschiedenen Studien wurde eine Reihe von psychischen Risikofaktoren festgestellt. Eine Studie kommt zum Schluss, dass Personen, die sich chronisch gestresst fühlen, ein um 27 Prozent erhöhtes Risiko haben, eine Herzerkrankung zu entwickeln. Dabei ist der Zusammenhang bei Menschen im Alter zwischen 43 bis 74 Jahren am stärksten ausgeprägt.

Regelmässige Bewegung ist das beste Mittel, um die überschüssigen Stresshormone gesund abzubauen

Insbesondere Patienten mit Depressionen haben ein erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Die Wechselwirkung besteht nicht nur zwischen Stress, Depression und Herzinfarkt, sondern auch umgekehrt.

So hat ein Patient nach einem Herzinfarkt ein dreimal höheres Risiko, an einer Depression oder Angststörung zu erkranken. Wichtig ist aber der Hinweis, dass psychosozialer Stress bei jedem Menschen unterschiedlich ist. Was den einen stresst, muss für den andern noch keineswegs mit Stress verbunden sein.

Das Team von Wissenschaftlern konnte nachweisen, dass chronischer Stress zu einer erhöhten Produktion weisser Blutkörperchen (Immunabwehrzellen) führt. Diese verklumpen und können die Arterien verstopfen, was zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führen kann. Könnte diese Annahme tatsächlich zutreffen?

Ja, sie trifft zu. Während einer Stressreaktion mit Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol werden nebst der Aktivierung des Kreislaufs auch Entzündungs- und Gerinnungsfaktoren ausgeschüttet, ebenso Fett und Zucker. Fehlt die gesunde Erholungsphase, können sich die Gefässwände durch dauerhaft erhöhten Blutdruck verhärten.

Fett- und Entzündungsstoffe lagern sich nach und nach an den Gefässwänden ab, sodass sie letztlich die Gefässe, zum Beispiel am Herz, verstopfen können.

Abgesehen von dieser These: Welche Auswirkungen hat Ihren Kenntnissen nach chronischer Stress auf das Herz?

Welche Auslöser zu welcher Art von Stress führen, ist wie bereits erwähnt von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Je nach individueller Veranlagung braucht es mehr oder weniger Faktoren, bis eine Erkrankung ausgelöst wird. Nebst den oben geschilderten biologischen Vorgängen, hat Stress psychische Auswirkungen: Man pflegt weniger Freizeitkontakte, zieht sich sozial zurück, reduziert angenehme erholsame Aktivitäten, bewegt sich weniger, ernährt sich ungesünder, raucht mehr oder der Alkoholkonsum wird erhöht. Dadurch kann das Herz ebenso geschädigt und die stressbedingten Einflüsse weiter getriggert werden.

Wie kann ungesunder Stress vermieden werden?

Betroffene, die unter Stress stehen, verlieren häufig die Übersicht über ihre Belastungen. Der erste Schritt zur Stressbewältigung ist deshalb ein Innehalten und das Eruieren der Auslöser.

Stress zeigt sich in der Regel auf verschiedenen Ebenen: der körperlichen, psychischen und emotionalen und der geistigen Ebene, wo es zu Konzentrationsstörungen und Entscheidungsschwächen kommt, sowie im Verhalten, das von einem sozialen Rückzug geprägt ist. Gerade deshalb sollten Freizeitaktivitäten der Erholung dienen und nicht zusätzlich leistungsorientiert sein.

Welche Behandlungsmöglichkeiten und Therapieoptionen stehen heute zur Verfügung, um Patienten zu helfen, die unter chronischem Stress stehen?

Wichtig ist, sich bei anhaltendem Stress oder bei Warnzeichen professionelle Hilfe zu suchen. In Einzelgesprächen oder Stressbewältigungsseminaren können dann Verhaltensänderungen eruiert und deren Umsetzung erarbeitet werden. Die sorgfältige Diagnostik und Wissensvermittlung hat grösste Priorität in der Therapie.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft: Wie finde ich die erwünschte Balance zwischen Anspannung und Entspannung?

Da gibt es drei goldene Regeln: Regelmässige Bewegung ist das beste Mittel, um die überschüssigen Stresshormone gesund abzubauen, zudem sind Entspannungs- und Erholungspausen sowie eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu empfehlen.